Schildbürgerstreich von CSU/SPD: Linux wird abgewickelt, reumütig wird zu Microsoft zurückgekehrt

Die Koalition von CSU und SPD im Münchner Rathaus will durch eine unscheinbare Ziffer 6b) in einem Änderungsantrag  zur Vorlage über die Umorganisierung der städtischen IT letztlich Linux  und die städtische Open-Source-Strategie abwickeln - und reumütig zum Quasi-Monopolisten Microsoft zurück kriechen.

Legendär und weltweit aufsehenerregend war es, als Microsoft Chef Steve Ballmer 2003 persönlich nach München (er unterbrach dazu gar seinen Ski-Urlaub) zum damaligen OB Christian Ude fuhr, um die Stadt dazu überreden, doch bei Microsoft zu bleiben und nicht auf Linux umzusteigen. Angeblich hat Ude den Manager immer wieder gefragt: "What else can you offer". Aber das im weltweiten Vergleich kleine gallisch-oberbayerische Dorf blieb standhaft - gegen die wütenden Proteste der CSU übrigens.

Im Linux-Projekt hat die Stadt seither über 80 % ihrer Rechner auf Linux umgestellt, was insgesamt fast 15.000 Linux-Arbeitsplätzen entspricht.  Man ersparte sich dadurch bisher gut 11 Mio. € Lizenzkostem, indem man auf freie Software (die Münchner Variante LiMux als Betriebssystem sowie OpenOffice bzw. LibreOffice etc.) setzte.

Seit nun aber nach der Wahl im Frühjahr 2014 die CSU mitregiert und der OB nicht mehr Christian Ude sondern Dieter Reiter (ein bekennender Microsoft-Fan) heißt, weht ein anderer Wind. Es begann mit den eher humorig erscheinenden Geschichten, dass Herr Reiter und der 2. Bürgermeister Josef Schmid (CSU) Linux dafür verantwortlich machten, dass ihre dienstlichen Mobilgeräte erst spät ausgeliefert wurden (in einer Antwort auf eine Anfrage von mir hieß es: "Das Betriebssystem LiMux steht in keinem Zusammenhang mit dem Zeitraum bis zur Auslieferung der dienstlichen Smartphones für die Stadtspitze").

Danach wurden Mitarbeiterbefragungen zur IT-Zufriedenheit und ein ausführliches Gutachten der Beraterfirma Accenture in Auftrag gegeben. Nirgends zeigte sich LiMux bzw. OpenOffice/LibreOffice als Hauptquellen der Unzufriedenheit. Doch Legenden leben länger - und schon 2003 hatte die CSU ja angekündigt, die Sache mit dem Linux nicht auf sich beruhen zu lassen. Jetzt nimmt sie späte Rache am Pinguin (dem Linux-Symbol).

Zwar schreibt der OB in der Stadtratsvorlage (Seite 24) mit Bezug auf das Accenture-Gutachten: 

"Hinsichtlich der Office-Lösung weisen die Gutachter darauf hin, dass LibreOffice (auf Linux Client und auf Windows Client) die Lösung für Bürokommunikation (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentation) in der LHM ist. Für die Unterstützung der Verwaltungsaufgaben gibt es ca. 10.000 Vorlagen für Schreiben (WollMux) sowie ca. 130 Makros in LibreOffice zur Automatisierung von Abläufen. Usability-Probleme aus der Zufriedenheitsumfrage bezogen sich überwiegend auf Open Office, die Vorgängerlösung. LibreOffice war zu dem Zeitpunkt stadtweit noch nicht ausgerollt. Die Gutachter empfehlen daher der LHM, LibreOffice weiterhin als Standard für die Bürokommunikation zu nutzen. Microsoft Office (d. h. die Anwendungen Word, Excel, Powerpoint) sollten als Fachanwendung behandelt werden, welche bei entsprechend fachlichem Bedarf (z. B. Austausch von Dokumenten mit Externen) zusätzlich zur Verfügung gestellt wird."

Doch das schert seine Partei (SPD) wenig (und die CSU sowieso gar nicht).

Natürlich ärgert man sich mal, wenn man ein odt-Dokument nach außen verschickt hat und der Kooperationspartner per E-Mail antwortet: "Konnte Anhang nicht öffnen". Doch es gibt doch einfache Lösungen im 21. Jahrhundert: Wenn der Partner das Dokument nur lesen soll, wandelt man es in ein Pdf um. Wenn man wirklich an einem gemeinsamen Dokument kooperativ arbeiten will, benutzt man eine (netzgestützte) Kooperationsplattform (ist sowieso praktischer als im Änderungsmodus Dokumente hin und her zu schicken). Und wenn ein Kooperationspartner, auf dem man angewiesen ist, partout nur mit .doc arbeiten will, dann muss man die Dokument eben in diesem Format abspeichern - oder wenn es gar nicht anders geht (siehe Gutachtervorschlag oben) Microsoft Office in bestimmten Inselbereichen der Stadtverwaltung halt verwenden.

Aber angebliche unüberwindbare Kompatibilitätsproblem würden es laut gesammelter Weisheit von CSU und SPD unerlässlich machen, in Zukunft bei "den Standardfunktionalitäten (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationsprogramm, PDF-Reader, E-Mail-Client, Internetbrowser) [...]  stadtweit einheitlich marktübliche Standardprodukte einzusetzen, die eine höchst mögliche Kompatibilität nach intern und extern sowie zu anderen Software-Produkten (z. B. SAP) gewährleisten". Verschämt wird hier vermieden, die Sache beim Namen zu nennen und der lautet: Microsoft Office etc. Bis 31.12.2020 soll "eine stadtweit einheitliche Client-Struktur geschaffen werden" und nur in einer Übergangszeit wird großzügig eingeräumt, statt den neu "entwickelten Windows-Basis-Client mit den vorgenannten Standardprodukten" auch wahlweise "eine gemischte Client-Architektur (Windows/LiMux) zu betreiben". Aber bis zum Ende der Wahlperiode muss dem Pinguin endgültig der Garaus gemacht werden.

Dieser Schritt erscheint nun nicht nur mir als irrational und kontraproduktiv. Ohne fachliche Grundlage  (die Gutachter vom Accenture befürworten ja das Festhalten an LibreOffice) und ohne Folgenabschätzung soll in einem Schildbürgerstreich das Limux-Projekt nach über 10 Jahren rückabgewickelt werden. Verlorene Kosten des LiMux-Projekts im zweistelligen Millionenbereich, Millionenkosten für Hardware, Umstellung und Lizenzen (zu diesen Zahlen siehe z.T. die oben genannte Antwort auf meine Anfrage) sowie die Verschwendung von Zeit und Ressourcen durch die Konzentration auf eine nicht zeitgemäßes Rollback wird die Konsequenz sein. Jahrelang werden durch diese unnötige Rolle rückwärts Kräfte und Ressourcen gebunden, die für Zukunftsaufgaben fehlen.

Linux ist aber ein willkommener und einfacher Sündenbock gerade für Parteien, die sich gerne an den Interessen großer Unternehmen, gerade wenn sie einen wichtigen Firmenstandort in ihrer Stadt ansiedeln, orientieren – statt auf die freie IT-Community und die Interessen kleiner Firmen und Selbstständiger zu achten.

Richtig wäre das Weiterführen der Open-Source-Strategie mit pragmatischen Ausnahmen und eine Konzentration auf Aufgaben einer Zukunft, in der mobiles und webbasiertes Arbeiten statt PCs mit klassischen Betriebssystemen im Mittelpunkt stehen werden.

Es gibt nur einen Gewinner der Abkehr von Linux und Open Source: In der Münchner Microsoftzentrale werden nächsten Mittwoch, 15.2.2017, nach der Stadtratsentscheidung die Sektkorken knallen. 

 

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