Stolpersteine für München endlich zulassen!

In mehr als 1000 Städten in 18 Ländern Europas wurden bereits Stolpersteine verlegt - im Bürgersteig eingelassen Metallplatten, die an Menschen erinnern, die von den Nazis deportiert, ermordet wurden - und das vor den Häusern, in denen sie gelebt hatten. Kaum eine Form des Gedenkens ist so konkret und persönlich. Ein Stolperstein erinnert an einen Menschen - nicht als einen unter vielen, nicht irgendwo, sondern ganz individuell genau da, wo der Ermordete lebte: mitten unter uns.

Die Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Männer, Frauen und Kinder aus ganz unterschiedlichen Gruppen, sei es weil sie zum Beispiel Juden oder Sinti, Kommunisten oder Menschen mit Behinderung waren. Stolpersteine helfen, dass wir die Einzelschicksale im Blick behalten - und die Barbarei ständig mahnend vor Augen haben.

Die Stolpersteine sind ein von unten wachsende Gedenkform. Sie erfordern die Initiative der Bürgerinnen und Bürger. Da recherchieren Schulklassen in ihrem Stadtteil, in der Nachbarschaft wird diskutiert, Angehörige werden einbezogen und eingeladen in die Heimat ihrer ermordeten Vorfahren.

Der Künstler Gunter Demnig wurde für das Stolpersteine-Projekt mehrfach ausgezeichnet, die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident haben ihre Anerkennung ausgesprochen, viele Präsidiumsmitglieder des Zentralrats der Juden in Deutschland und die Vertretungen anderer Opfergruppen befürworten die Stolpersteine.

In 58 bayerischen Städten und Dörfern gibt es sie – doch in München ist es seit zehn Jahren verboten, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen.

Persönlich kenne ich Angehörige von Opfern, die sagen, Stolpersteine würden helfen, ein Stück Heimat zurückzugewinnen für ihre Familie. Während die einen sagen, ein Gedenken am Boden sei unwürdig, da man darauf herumtrampelt, bedeuten die Stolpersteine für andere, dass man stutzt, innehält, sich verbeugt vor den Menschen, denen die Steine gewidmet sind.

Zumindest jenen Angehörigen, jenen Opfergruppen, die explizit diese Form des Gedenkens wünschen, will ich Stolpersteine auch in München ermöglichen.

Auf meine Initiative hat die grünrosa Stadtratsfraktion in München ein Stadtratshearing beantragt, dass am 5.12.2014 stattfand. Frau Dr. Anke Silomon berichtigte von den positiven Erfahrungen in Berlin, wo iszwischen über 6.000 Stolpersteine verlegt wurden. Aus dem Kunstprojekt sei "ein außerordentlich erfolgreiches soziales Projekt geworden", an dem sich viele Bürgerinnen und Bürgerinnen beteiligen. "Die Berliner reagieren geschlossen und entschlossen auf jede Art der Schändung."

Terry Swartzberg von der Initiative Stolpersteine für München zitierte so prominente Unterstützer wie den Vorsitzenden des Zentralrat der Juden in Deutschland Schuster, den langjährigen stellvertretenden Vorsitzenden Korn, den Bundesaußenminister Steinmeier, den Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem, den Schriftsteller Gert Heidenreich u.a.

Ernst Grube, der selber im Konzentrationslager saß, überbrachte eine Grußadresse der Lagergemeinschaft Dachau, deren Präsidium die Verlegung der Stolpersteine im öffentlichen Raum unterstützt.

Albrecht Knoll, der selber in der Gedenkstätte KZ Dachau arbeitet und im Forum Homosexualität München e.V. die Geschichte von Schwulen und Lesben erforscht, berichtete von der Quintessenz eines Treffens verschiedener Opfergruppen (u.a. Homosexuelle, politisch Verfolgte, Kirchen), die grundsätzlich für die Stolpersteine eintreten.

Aber natürlich wurde auch die ablehnende Haltung der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, Frau Knobloch, thematisiert. Selbst wollte sie nicht am Hearing teilnehmen, ließ aber einen Text von ihr durch den Oberbürgermeister Reiter verlesen und entsandte ein Mitglied der Kultusgemeinde. Für Frau Knobloch bedeutet jedes Gedenken am Boden, "dass Namen und Opfer wieder mit Füßen getreten, verdreckt und geschändet werden". "Würdiges Gedenken darf nicht am Boden, sondern muss auf Augenhöhe geschehen." Alternativen für den legitimen Wunsch nach individuellen Gedenken im öffentlichen Raum könnten Metallplatten an Fassaden seien oder sämtliche Namen der NS-Opfer am Platz der Opfer des Nationalsozialismus bzw. am NS-Dokumentationszentrum anzubringen.

Am Hearing nahm auch der über 90-jährige Peter Jordan teil, der Stolpersteine für seine Eltern verlegen will - vor 10 Jahren wurden sie durch die Stadt nach Erlass des Verbotes aus dem Bürgersteig gerissen.

Mein Fazit des Hearings ist: Was würdiges Gedenken ist, kann man den Betroffenen, den Opfern, den Angehörigen nicht vorschreiben. Deshalb sollte jeder, der für seinen Verwandten einen Stolpersteine will, dies dürfen; und wenn keine Angehörigen vorhanden oder auffindbar sind, sollten Stolpersteine dann erlaubt werden, wenn es aus den Vertretungen der jeweiligen Opfergruppe keine Einwände gibt. Außerdem sollten die Vorschläge für Alternativen, die Frau Knobloch genannt hat, für jene Opfer, für die keine Stolpersteine verlegt werden, geprüft werden.

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