Besuch der dOCUMENTA13: Philosophisch, politisch, poetisch...

Jedes Kulturpolitikers Pflicht und Kür: Ein Besuch der Documenta. Dieses Wochenende hatte ich das Vergnügen, die vielleicht weltweit wichtigste Kunstschau in Kassel persönlich erleben zu können. Kurz gesagt: Philosophisch, politisch, poetisch - ein sinnlich-intellektuelles Erlebnis.

Von Freitag 3.8. bis Sonntag 5.8. in Kassel auf der Documenta.

Schon vorher im Zug las ich zur Vorbereitung etliche Artikel aus SZ, Zeit und Frankfurter Allgemeinen dazu sowie das übrigens exzellente Sonderheft von art.

Insbesondere die Interpretationen der künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev wurden nicht selten skeptisch kommentiert – esoterisch bis „kuratorodadaistisch“ (mein neues Lieblingsadjektiv) so die Urteile.

Verwirrt wie erwartungsvoll kam ich in Kassel an. Und gleich ging es am frühen Abend auf in die Karlsaue, einen großen Park, denn die diesjährige Documenta intensiver als die Vorgängerausstellungen für die Kunst erschlossen hat. Für mich war diese location schon der Höhepunkt. Die Grünanlage selber als kulturelle inszenierte Natur bot den besten Rahmen für einen der roten Fäden der Ausstellung: das Verhältnis von menschlicher Kultur und Natur. So grün war vielleicht noch keine Documenta!


Freitag spätnachmittags, 3.8.12:

Der erste Eindruck in der Karlsraue: Ein wie von Geister- oder Riesenhand in der Krone eines toten Baumes abgelegter Felsen. Berührt man den Baum, so merkt man, dass es sich um eine täuschend echte Metallimitation der Natur handelte (Bild 1 - Künstler: Giuseppe Penone). Weiter streunte man durch die wunderschöne Kultur-Natur des Parks und immer wieder entdeckte man künstlerische Eingriffe (man stellen sich das im Englischen Garten vor! Aber was würde die Bayerische Seen- und Schlösserverwaltung dazu sagen?):

Unscheinbar von Gras umhüllt etwa eine meditativ wirkende ewig hin und her schwappende Wasserwoge in einem Betonrechteck: Für mich die perfekte Welle (Künstler: AND AND AND).

Ganz in der Nähe dann als Zentrum der Rasenfläche ein wild bewachsener Hügel auf menschlichem Müll aufgebaut - mit chinesischen Schriftzeichen, die abends leuchten "Doing Nothing" anzeigen (Bild 4 - Künstler: Song Dong).

In der Nähe ein unscheinbarer Apfelbaum - er erinnert an den Dorfpfarrer Korbinian Aigner, der im KZ Dachau inhaftiert war, dort einen Garten anlegte und neue Apfelsorten schuf: genannt z.B. KZ-3, heute als Korbiniansapfel bezeichnet und immer noch angebaut.

Immer wieder verteilt in der Aue Fertighäuser mit künstlerischen Aktionen und Installationen.

Bunt bedruckt Time/Bank: als Finanzkapitalismusalternative eine Zeitbank zum Dienstleistungstausch - für mich besonders verführerisch das Angebot, meine Bibliothek zu organisieren und für mich zu lesen (Bild 2 - Julieta Aranda & Anton Vidokle). 

Am Anfang des Sees eine gespenstische Konstruktion, kombiniert aus historischen Hinrichtungen entstammenden Galgen (Bild 3 - Sam Durant).

Weiter schweifend findet man etwa das Häuschen eines Stadtnomaden mit mechanischen und digitalen Fundstücken des Großstadtdschungels, dahinter einen Wohnwagen und auf den Bäumen wie durch einen Tsunami hingeworfene Boote (Shinro Ohtake). Wow!

Als meditativer Endpunkt: Eine Soundinstallation im Wäldchen, auf Baumstümpfen sitzend ein mäanderndes Audio-Erlebnis von Kultur- und Naturtönen (bei letzteren drehte ich mich immer wieder, diese mit Realität, etwa dem Anschleichen von Tieren verwechselnd, um) im Surround-Sound (Janet Cardiff & George Bures Miller).

Und es ward dunkel.

Verwirrt und beseelt zum Italiener mit ein bisschen zu lauter Live-Musik.

 

Samstag 4.8.: 

Vor dem Fridericianum, dem Zentrum der Ausstellung, Schlangestehen für die Kunst (Bild 5). Gab es in Deutschland schon mal so viele Menschen, die weite Weite und lange Warteizeiten für die Kunst auf sich nahmen, wie heute? Ermutigend für des Kulturpolitikers Herz!

Endlich drin. Vieles zu sehen. 

Besonders beeindruckend der auf einem Foto mit afghanischen Kulturschaffenden vor einer Palastruine bei Kabul basierende Wandtteppich (Bild 6 - Goshka Macuga): Kunst und Krieg, Deutschland und Afghanistan. Ein roter Faden der documenta, zu der ja auch Dependancen z.B. in Kabul gehören, wird hier sichtbar. Außerdem: Atemberaubend schön das Werk.

In ähnlichem Zusammenhang: Bücherskulpturen (nachempfunden Werken, die im 2. Weltkrieg im Fridericianum verbrannten) aus dem Stein von Bamiyan (Bild 7 - Michael Rakowitz) - berühmt durch die 2001 von den Taliban gesprengten monumentalen Buddha-Statuen an diesem Ort (ja die Intoleranz jedes Monotheismus). Im selben Raum weitere Fundstücke der Zerstörung. Grauenhaft ein Text aus der Frankfurter Zeitung vom 28.3.41: "Es erfüllt uns mit großem Stolz, die Talmud-Bibliothek, welche als die größte in ganz Polen bekannt ist, zu zerstören..."

Im Zentrum des Zentrums: Das "Brain" - ein Saal, darin eine Vitrine mit verschiedenen Objekten. Wunderschön-geheimnisvolle Miniaturen aus der Zeit zwischen 2500 und 1500 vor Christus aus Nordafghanistan - die "Baktrischen Prinzeissinen"; eine wie afrikanische Kunst wirkende Maske, die aus dem Mädchenumerziehungsheim Breitenau bei Kassel stammt (Vorbild für Ulrike Meinhofs "Bambule", zuerst Kloster, später KZ); Handtuch u.a. aus dem Badezimmer Hitlers (man sieht auch Fotos einer US-Fotografin, die Hitlers Münchner Wohnung einen Tag vor seinem Selbstmord in Berlin in Besitz nahm, in seiner Badewanne badete, sich dabei ablichten ließ). Das für mich aber beeindruckendste Objekt: Eingeschmolzene Kunstwerke aus dem bombardierten Nationalmuseum Beirut (Bild 8). 

Dann in die Documenta-Halle:

Yan Lei hat an 360 Tagen (einem chinesischen Jahr also) je ein Bild aus dem Internet gespeichert, jedes wurde gemalt - und hängt jetzt hier. Aber immer wieder werden diese Bilder während der Documenta in eine Autofabrik gebracht, monochrom übermalt und so neutralisiert zurückgebracht. Die Halle verändert sich also täglich, die Bilder verschwinden hinter der Einfarbigkeit. Das Panoptikum zeigt etwa Politiker, Tiere, berühmte Gemälde, Chinesinnen und vieles mehr aus dem WWW-Universum (Bild 9 - Yan Lei). Für mich am schönsten: Der "Super-Lights Iceberg" (Bild 10) - die Spitze des Eisbergs!

Nicht weit davon ein großer weißer Raum mit Motoren als sakrale Kunstobjekte in motion (Bild 11 - Thomas Bayrle). Technik und Autos als religiöse Objekte der Moderne - das erschien mir schon in der BMW-Welt in München so.

Nun der Fußmarsch zum Kulturbahnhof:

Hier findet man gerade in der Nordhalle faszinierende Kunstwelten. Herausheben will ich nur István Csákánys "The Sewing Room" (Bild 12), in dem begleitet von schwebenden Maßnadelstreifenblaumännern sich eine ganze Manufaktur mit Näh- und Bügelmaschinen ganz aus Holz geschnitzt (wie er schon das Bernsteinszimmer in Holz nachbaute) befindet: Ob dies eine Hymne an die Würde der Arbeit ist oder eine ästhetisch gefasste Anklage - ich weiß es nicht. Es ist auf alle Fälle kunstvoll und bezaubernd.

Dann mit dem Documenta-Bus Richtung Hugenottenhaus:

Für mich ein ganz besonderes Erlebnis war dies verfallene Haus, das 1826 gebaut wurde, später als Wohnhaus und Hotel diente, im 2. Weltkrieg beschädigt wurde und seit den 1970ern leer steht. Theaster Gates aus Chicago hat es zusammen mit Teilnehmern an Arbeitsförderungsmaßnahmen aus Kassel und Chicago zu einem bewohnbaren Kunstwerk, Ort für  Objekte und Performances verwandelt. An den Wänden oft Video-Screens mit Jazz-Gigs, bewohnt erscheinende Schlafzimmer zum Reinschauen, Bühne für Musikauftritte und vieles mehr - stark (Bilder 13-17).

Schließlich ganz in der Nähe als Schlußpunkt des Tages die Neue Galerie:

Vor dem Höhepunkt dieses Ortes wie bei zahlreichen Sälen erstmal Schlange stehen. Dann in die Arkaden, in denen als monumentales Panoptikum eines halben Jahrhunderts auf Halme gesteckte Ausschnitte aus den Jahrgängen 1935-1985 des US-Magazins LIFE die Blicke verwirren und verzaubern (Bilder 18-22). Auf den ersten Blick wie eine kindliche Fleißarbeit wirkend entfaltet sich vor unseren Augen ein chronologisches Kaleidoskop des public interests, der Moden, der Politiker, der Stars, der politischen Ereignisse und der gesellschaftichen Trends. Seltsame Fundstücke wie zwei Uniformierte mit US- und Hakenkreuzflagge im Gleichschritt (Bild 20) oder eine Reihe Nackter, bedeckt mit einem Transparent "Dachau - Munich" (Bild 22), werfen Fragen auf...
Erschöpft über der Aue bummeln zur Orangerie, wo es leckeren Flammkuchen gibt - und einen unerschöpflichen Strom von Menschenmassen, die dem lauten Jahrmarkt mit Riesenrad in unmittelbarer Nähe zustreben.

Der Kopf so voller Eindrücke, das muss erst mal verdaut werden...

 

 

Sonntag, 5.8..

Schon toll, wenn es am Sonntag im Hotel (Pentahotel) Frühstück bis 14 Uhr gibt und man erst um 15 Uhr auschecken muss. Also Zeit für Ausschlafen und einen letzten Kunstausflug.

Was gibt es also noch im Freien zu sehen (man spart sich eine weitere Tageskarte)?

Zuerst zu den Weinbergterrassen. Ziemlich verzwickt wird man dorthin durch Schilder von der Neuen Galerie aus geführt. Dann die Terrassen hinauf mit teils verfallenen Gemäuern, wild wucherndem Grün - und eben verstreuter Skulpturen des Argentiniers Adrián Roja (Bild 23). Glocken unter Brücken (sagt mir wenig), zusammenfantasierte Leiber (fasziniert mich eher - z.B. Bild 24). Insgesamt wirkt das Gesamtensemble im Weinberg der Kunst intensiv. Am oberen Ausgang (durch den man aber nicht rein darf - seltsam) dann ganz in der Nähe der Neuen Galerie.

Jetzt noch einmal in die ach so weitläufige Karlsaue:

Hier entdeckt man die aus der Sicht manch kritischer Kritiker für die Gesamtaustellung namensgebende "DOGumenta" (Bild 25). Ich dachte, dass dies nur ein von Kommentatoren erfundenes Wortspiel sei, doch hier heißt es offiziell:“Please donate for DOGumenta” - auf dem Schild am Eingang. Araya Rasdjarmrearnsook bittet um Spenden für ein Hundeheim in Thailand.

Und dann wieder auf den Hund gekommen: Was am Freitag Abend nicht mehr zu sehen war - der Hund mit der pink Pfote und die Frauenskulptur mit Kopf im Bienenstock (am Freitag war der Hund schon weg und der Bienenstock in einen Holzkasten eingesperrt): Das Landschaftsprojekt von Pierre Huygue (Bilder 26-29). Abseits der Wege findet man hier eine wüste Landschaft mit Dreck, Schutt und Pfützen. Und darin streunen zwei Hunde mit rosa angemalten Pfoten. Die spanische Windhündin Human und ihr Welpe Senor. Erst liegt das weiße dünn-drahtige Muttertier faul und zusammengekauert da, dann läuft es rum, entdeckt schließlich andere Hunde und wird von seinem Pfleger und Herrchen zurückgerufen. Letzterer erklärt uns Zuschauenden, dass es doch so seltsam und entlarvend sei, wenn die Menschen Hunderassen voller Schmerz und Leid züchteten und das normal finden, sich aber furchtbar darüber aufregen, dass im Namen der Kunst Hundepfoten schmerzfrei angemalt würden...

Nun denn.

Die Gedanken und Sinne schwirren. Man nimmt den ICE nach München.

Und man denkt wohl noch lange an eine Documenta voller Naturphilosophie, poetischer Spielerei und Zauberei, erschütterndem Ernst zu Krieg und Zerstörung, deutscher und afghanischer Geschichte und Realität, dem Leben der Objekte, Tiere und Menschen...

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